SPRACH-KITAS: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist, noch immer.

Ein Votum für pädagogische Qualität.

Zielstellung: Kitas in der Qualitätsentwicklung, insbesondere in den Handlungsfeldern sprachliche Bildung, Zusammenarbeit mit Familien und inklusive Erziehung und Bildung unterstützen.

Umfang: 368 Sprachkitas im Land Berlin mit 368 spezialisierten Fachkräften begleitet von 34 zusätzlichen Fachberater*innen, bis Ende 2024 vom Land Berlin gefördert, nachdem das Bundesprogramm beendet wurde.

Aussicht: Sechs Monate vor Auslaufen der aktuellen Finanzierung besteht völlige Unklarheit, ob und aus welchen Mitteln heraus das Land Berlin dieses Programm oder auch seine Erweiterung für alle Berliner Kitas fortsetzen wird.

Wir plädieren für eine Fortsetzung!

  • Die Sprachvielfalt nimmt zu. Mit alltagsintegrierter sprachlicher Bildung, die sich an den individuellen Kompetenzen und Interessen der Kinder orientiert, wird die natürliche Sprachentwicklung unterstützt. Der gesamte Kita-Alltag wird dafür genutzt, die Sprachentwicklung anzuregen und zu fördern. Die zusätzlichen Fachkräfte erarbeiten und reflektieren mit dem gesamten Kita-Team möglichst (sprach-)anregende Situationen, prüfen Spielmaterial, erweitern analoge und digitale Medien.
  • Inklusive Bildung ist ein fortwährender Prozess der Auseinandersetzung mit Vielfalt, dem Anerkennen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden und dem Entdecken der eigenen Individualität. Die zusätzlichen Fachkräfte sensibilisieren ihre Teams für die inklusive Bildung, indem sie sich mit Team- und Familienkulturen auseinandersetzen, die eigene Identität inmitten der Unterschiede bestärken. Auf dieser Basis können sie dann die Kinder ermutigten, ihre eigene Identität zu erkunden, Gefühle auszudrücken, Konflikte fair auszutragen und für all das gute Worte zu finden.
  • Die Zusammenarbeit mit den Familien als Bildungs- und Erziehungspartnerschaft ist für die sprachliche Bildung der Kinder unabdingbar. Fachkräfte in den Sprach-Kitas heißen alle Familien willkommen, beziehen sie in die Gestaltung des Kita-Alltags mit ein und unterstützen die Familien bei einem sprachanregenden familiären Umfeld.

Interaktionsqualität zwischen Kindern und Fachkräften

Von 2016 an haben sich bundesweit Sprachkita-Fachberatungen kontinuierlich sowohl didaktisch als auch evidenzbasiert fachlich zu den pädagogischen Themen qualifiziert. Das gewonnene Wissen und Knowhow haben sie trägerübergreifend an zusätzliche Fachkräfte vermittelt; haben Kitaleitungen beraten. Diese konnten dann aus dem immensen Pool an gut aufbereiteten Wissenspaketen zu den Themen sprachliche Bildung, inklusive Pädagogik, Zusammenarbeit mit Familien und später auch zur Nutzung digitaler Möglichkeiten im pädagogischen Alltag wählen, um die Interaktionsqualität einrichtungsspezifisch weiterzuentwickeln.

2020 wurde ein wesentlicher Punkt in den Fokus gerückt: Wie kommt die Qualifizierung der Fachberatungen und zusätzlichen Fachkräfte zu den Inhalten des Programms (alltagsintegrierte sprachliche Bildung, inklusiver Pädagogik und Zusammenarbeit mit den Familien) bei den Kindern an?

Wie begleiten Fachkräfte das Entdecken der Welt mit den Kindern? Führen sie Gespräche, die Kinder zum Denken und Weiterfragen anregen? Die die Neugier vorantreiben? Beziehen sie alle interessierten Kinder mit ein? Und wie gehen sie mit den Kindern um, die gerade mit anderen für sie wichtigen Dingen beschäftigt sind? Wie entstehen Regeln und Vereinbarung in der Kita – für die oder mit der Kindergruppe? Wie ist das eigentlich mit dem – nun ja – Morgenkreis, dem „Kostehappen“, dem Deuten der nonverbalen Signale der Kinder? Wie wird die dahinterstehende pädagogische Haltung von Responsivität und Partizipation mit den Eltern besprochen? Wie sehr fühlen diese sich willkommen, akzeptiert und beteiligt?

Im hochkomplexen Kitalltag bleibt kaum Zeit, diese Fragen zu stellen, geschweige denn sie zu beantworten. Doch das Bundesprogramm hat Strukturen geschaffen, die es möglich machen, den Fokus immer wieder auf die hochwertige Gestaltung von Bildungs- und Lernprozessen bei Kindern und Fachkräften zu lenken. Die zusätzlichen Fachkräfte und die zusätzlichen Fachberatungen sind die Personen, die Zeit und gedankliche Kapazitäten haben, um genau die Fragen zu stellen, die die Prozesse voranbringen. Sie unterstützen mit Denkanstößen und Impulsfragen die kontinuierliche Reflexion von Teams und einzelnen Fachkräften. Sie sind die Personen, die die Kapazität haben, arbeitserleichternd Materialien für das gesamte Team vorzubereiten. Sie sind die Personen, die mit exemplarischem Arbeiten den Fachkräften vor Ort ermutigend zur Seite stehen.

Begeisternde Momente, entdeckte Hürden und neue weiterführende Fragen wurden immer direkt an die Programmverantwortlichen zurückgegeben und wiederum genutzt, um Inhalte, Themen und Fragestellungen noch praxisrelevanter zu gestalten, zu überarbeiten und zu ergänzen. Das Sprach-Kita- Programm belebt sich durch die Beteiligung der Akteure.

Best Practice

Auf diese Weise sind Spielmaterialien und Kinderbücher mit dem Fokus auf die Vielfaltsaspekte in Familienkulturen und Familiensprache erneuert, morgendliche Begrüßungsrituale individualisiert, Mythen zu Mehrsprachigkeit auf ihren Wahrheitsgehalt untersucht worden.

Eltern-Cafés wurden ins Leben gerufen, die zum unkomplizierten Verweilen in der Kita einladen und so ein sich gegenseitiges Besser-Kennenlernen möglich machen. Sogenannte „Plapperbäume“ laden Kinder, Eltern und Fachkräfte gleichermaßen ein, sich gemeinschaftlich mit den aktuellen Interessen der Kinder zu beschäftigen: ein mit den Kindern gebastelter Baum, an dem kleine Flaschen hängen mit verschiedensten Inhalten. Die Kinder und pädagogischen Fachkräfte bestücken diese Flaschen immer wieder mit Briefen, Geschichten, Fingerspielen, Liedtexten, Rätseln und Gebasteltem. Die Familien, haben die Möglichkeit, sich den Inhalt einer Flasche herauszunehmen und ihrerseits neu zu befüllen.

Viele neue Arbeitsmaterialien sind entstanden: Kamishibai-Geschichten in den verschiedenen Sprachen, die in der Kita vorkommen. StopMotion-Filme, die sowohl in die digitale Welt einführen als auch eine ganz analoge Erkundung der Welt ermöglichen und ganz nebenher den Wortschatz erweitern. Im alltäglichen Tun rückt damit immer mehr die Interaktionsqualität zwischen pädagogischen Fachkräften und Kindern in den Mittelpunkt.

Die Tandems aus Leitung und zusätzlicher Fachkraft in den Kitas werden eng durch die spezialisierten Fachberatungen begleitet: sie bereiten gemeinsam den fachlichen Input vor, erproben erfahrungsorientierte Methoden für die Erwachsenenbildung, reflektieren gemeinsam die Veränderungsprozesse in Teams, initiieren Wertediskussionen. Darüber hinaus profitieren sie vom kontinuierlichen fachlichen Austausch in träger- und standortübergreifenden Verbünden / Arbeitskreisen. Ganz konkurrenzbefreit werden hier Gedanken geschärft, neue Impulse gesetzt, aktuelle Entwicklungen konstruktiv-kritisch diskutiert und einfach mal über den eigenen Tellerrand geschaut.
Immer wieder besuchen sich die Tandems auf Initiative der Fachberater*innen gegenseitig in den Einrichtungen, finden inspirierendes für die eigene Praxis und lernen so trägerübergreifend.

Und jetzt?

Will das Land Berlin das alles aufs Spiel setzen? Wie soll erst das Kita-Chancenjahr in Berlin gelingen, wenn die Sprach-Kitas vielleicht nicht mehr existent sind? Können wir uns erlauben, auf diesen qualitätssichernden fachlichen Input zu verzichten?

Ein Beenden der Förderung würde beteiligten Einrichtungen vor allem den Zugang zu neuesten pädagogischen (Wissenschafts-) Erkenntnissen, zu neuen Instrumenten / Materialien, zu (länder-)übergreifendem, vernetztem Austausch und dem gemeinsamen Weiterentwickeln der frühkindlichen Bildung nehmen.

Dies ist ein Artikel der biwib gGmbH, die drei Sprachverbünde in Berlin begleitet.

Hier geht es zum Bundesprogramm “Sprach-Kitas” des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.