Presserückblick KW 7/2024

Die Berliner SPD-Spitze ringt um Erneuerung und debattiert, ob Bildung generell kostenfrei sein sollte oder die Kosten eher umverteilt werden müssten. Diese und weitere Themen der Woche.

Der Neuköllner Bürgermeister Martin Hikel und die ehemalige Staatssekretärin Nicola Böcker-Giannini – Team-Kandidierende für den Berliner SPD-Vorsitz – werfen die Frage nach der generellen Kostenfreiheit in Berlins Bildungssystem auf. Zweifel an der generellen Gebührenfreiheit für Kitas hatte im Wahlkampfjahr die jetzige CDU-Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch geäußert. Obwohl das Duo „statt Gratispolitik mehr Umverteilung nach dem Solidaritätsprinzip fordert“, will es an der generellen Gebührenfreiheit für Kitas vorerst nicht rütteln. Kita-Träger sehen vor allem in den armutsbelasteten Bezirken den Personalmangel als vorrangiges Problem.
morgenpost.de

Zwei weitere Kandidierende für eine neue SPD-Spitze positionieren sich in dieser Frage sehr deutlich:

Zitat der Woche
„_Wir haben als SPD Berlin große Errungenschaft erkämpft, die Kita-Gebührenfreiheit, das kostenlose
Mittagessen, der kostenlose Hortbesuch. Das sind Dinge, die einen Unterschied machen. Wir haben 100.000 Alleinerziehende in der Stadt, davon 90.000 allein Frauen, die mit minderjährigen Kindern zusammenwohnen. Den Weg der Entlastungen wollen wir auch für sie weiter gehen_“.
(Jana Bertels, Co-Landesvorsitzende der SPD-Frauen und Kian Niroomand, Vize-Landesvorsitzender der Berliner SPD im Interview mit dem Tagesspiegel).

Reinickendorf hat derweil andere Probleme: Der Bezirk schlägt Alarm, weil es akut an sehr vielen Kita-Plätzen mangelt. Bis Ende 2025 könntet 1800 Betreuungsplätze fehlen, beziffert das Jugendamt den Bedarf. Die Bezirksverordnetenversammlung will nun zügig einen Kita-Gipfel einberufen.
berliner-woche.de

Ein Blick nach Hellersdorf wirkt ebenfalls augenöffnend. Dort betreibt die Arche einen spendenfinanzierten Kindergarten für Familien, die keinen regulären Kitaplatz für ihre Kinder bekommen haben. Neun von zehn Kleinkindern haben migrantische Wurzeln. Migrantische Familien wurden in Hellersdorf geparkt statt sie behutsam über die Stadt zu verteilen, kritisiert Bernd Siggelkow. So kann Integration nicht gelingen, es verfestigten sich „unheilvolle Sozialstrukturen“, kritisiert der Arche-Gründer. In einem Buch will Siggelkow Bilanz ziehen über 30 Jahre Sozialarbeit.
(Tagesspiegel)

Die bildungspolitische Hütte brennt nicht nur in Reinickendorf oder Hellersdorf, sondern im ganzen Land. Einen bundesweiten „massiven Investitionsschub für die junge Generation“ in Kitas, Schulen und bei der Bekämpfung von Kinderarmut fordert deswegen Sebastian Sedlmayr in der „Welt“. Der Leiter der Abteilung Advocacy und Politik bei UNICEF befürchtet, Vorhaben wie die Verbesserung der Startchancen benachteiligter Kinder könnten scheitern oder auf der bundespolitischen Agenda nach unten rutschen.
(Die Welt)

NEWS NEWS NEWS

Um die Fachkräftegewinnung in Kitas zu erleichtern, hat Rheinland-Pfalz seine 2021 festgezurrte Fachkräftevereinbarung noch einmal nachgeschärft. Bürokratie bei der Einstellung von Fachkräften aus anderen Berufsgruppen wird abgebaut. Das Land garantiert die Gegenfinanzierung und ordnet besonders schwierige pädagogische Aufgaben in höhere Tarifgruppen ein. Vertretungskräfte werden vom Land mitfinanziert und sollen explizit von den Trägern gefördert werden. Mehr Details auf
bildungsklick.de

Mehr Verantwortung des Bundes und eine „bildungspolitische Mission“ beschwören Michael Kaschke, Präsident des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft und dessen Generalsekretär Volker Meyer-Guckel, in der FAZ. Das sei auch im föderalen System möglich. Der Verweis auf den Föderalismus müsse oft als Ausrede herhalten um weiterzumachen wie bisher. Der Stifterverband selbst priorisiert in Zukunft das Thema Bildung – statt wie bislang das Thema Innovation.
(Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Zahl der Woche I

Circa 5700 Stiftungen in Deutschland engagieren sich schwerpunktmäßig für Bildung und geben dafür jährlich mindestens 2,5 Milliarden Euro aus.
(Deutscher Stifterverband via FAZ)

Zahl der Woche II

Die Kosten für Kinderbetreuung sind weltweit um sechs Prozent gestiegen, in den USA sogar um neun Prozent, eruierte eine Studie des Mobilitätsunternehmens ECA International. Vor allem die Wirtschaft und die Frauen zahlen einen hohen Preis. In den USA gehen schätzungsweise 237 Milliarden Dollar pro Jahr verloren, weil Frauen ihr Arbeitspensum reduzieren, um sich um Kinder zu kümmern. In der EU beläuft sich diese Zahl auf rund 242 Milliarden Euro (255 Milliarden Dollar).

Ein Stressfaktor für die Gesellschaft, dem Politiker aller Länder entgegenwirken sollten.
Auch Kinder kennen schon Stress oder Krisen. Hilflos ausgeliefert sollten sie jedoch nicht sein – Stichwort Resilienz.

Hör-Tipp

Wie Eltern ihre Kinder stärken und resilienter gegen Stressfaktoren machen können, bespricht Fröbel-Mitarbeiterin Henrike Ortmann im Podcast mit der Diplom-Pädagogin und systemischen Therapeutin Sandra Gaßen. (27 Minuten-Audio).
https://soundcloud.com/froebelcast/resilienz-wie-starke-ich-mein-kind

Mit zwei heiteren Themen verabschieden wir uns vom Stress der Woche und lassen die Weltprobleme einfach mal links liegen.

Video-Tipp I
Federvieh mit pädagogischem Nutzwert: In einer Kreuzberger Kita bereichern Hühner den Alltag von Kita-Kindern.
rbb-online.de

Der Karneval ist zwar für dieses Jahr schon vorüber, aber grundlegende Karnevals-Kostümierungs-Debatten lassen sich in weiser Vorausschau auf das kommende Jahr trotzdem führen:

Video-Tipp II
Müssen Faschingskostüme politisch korrekt sein? Wie eine Bremer Kita den Generationenkonflikt rund um Klischee-Kostüme und kulturelle Aneignung gelöst hat.
butenunbinnen.de (2:39 Minuten)

Bleiben Sie heiter!
Ihre Kita-Stimme.berlin