Presserückblick KW 49/2023

Der gar nicht so überraschende Pisa-Schock 2.0, die Reaktionen der Politik und die Frage nach deren Glaubwürdigkeit prägten die Debatten der Woche. Außerdem wurde in Berlin mal wieder gestreikt.

Nach dem aufrüttelnden Pisa-Schock von 2001 reiben sich auch nach der aktuell veröffentlichten Pisa-Studie erneut viele die bildungspolitisch verklebten Augen. Dabei war der Pisa-Schock 2.0 in diesem Jahr ein Schock mit Ansage, lange im Vorfeld gespoilert durch unzählige Bildungsstudien.

Andere zeigen sich abgeklärt. Die Ergebnisse seien „besorgniserregend, aber nicht überraschend“, sagte beispielsweise Katharina Günther-Wünsch, Präsidentin der Kultusministerkonferenz KMK und Bildungssenatorin in Berlin, dem Tagesspiegel, und versucht damit, den Ball flach zu halten. Dies wiederum reizte Stefan Spieker, Geschäftsführer von Deutschlands größtem überregionalen Kita-Träger und Mitglied in unserem Aktionsbündnis Kita-Stimme.berlin. zu dem bitteren Kommentar: „Die schlimmste Nachricht ist, dass diese Nachricht niemanden mehr überrascht“.
(Tagesspiegel)

Schlagabtausch der Woche
Den Grundstein für bessere Bildungsergebnisse will die KMK-Präsidentin in der Kita legen: „Basiskompetenzen können nur durch guten und intensiven Unterricht gefördert werden. Damit müssen wir in den Kitas, im frühkindlichen Bereich, anfangen“. Wohl wahr. Fröbel-Chef Spieker fragt sich daraufhin allerdings zu Recht, warum ein Bundesprogramm wie die Sprach-Kitas gestoppt wird statt es weiter auszubauen.
(Tagesspiegel)

CDU-Bundesvize Karin Prien sieht angesichts der Pisa-Studie „dringenden Handlungsbedarf“. Den Schlüssel zu mehr Bildungserfolg sieht die schleswig-holsteinische Bildungsministerin in der Kita. „Hier müssen wir mehr tun“, sagt Prien und fordert „flächendeckende Screenings“ in den Kitas. Von wem fordert sie das eigentlich? Prien wiederholt den schönen Satz: Bildung müsse „über alle Altersstufen hinweg in den Haushalten von Bund und Ländern priorisiert“ werden, Deutschland müsse „den Weg vom Sozialstaat zum sozialen Bildungsstatt einschlagen“.
news4teachers.de

Es gilt der schöne Spruch: „Machen ist wie wollen, nur krasser“.

Besonders krass mögen es bekanntlich die Bayern. Und sie haben ja mit Markus Söder einen echten Macher an der Spitze ihrer Regierung. Das führt uns zum bislang unterhaltsamsten Versuch, die bildungspolitischen Versäumnisse durch Aktionismus zu vernebeln:

Nebelkerze der Woche
Nach den Pisa-Ergebnissen will Bayerns Ministerpräsident das Gendern an Bayerns Schulen verbieten.
news4teachers.de

Der Fairness halber wollen wir noch erwähnen, dass ja nicht Nichts passiert ist:

Zahl der Woche
Seit 2001 wurden 500 000 zusätzliche Kita-Plätze geschaffen und über *100 000 neue Erzieherinnen eingestellt.
(Die Zeit)*

Das ist zwar schön, reicht aber bekanntlich hinten und vorne nicht. Die Nachfrage wächst noch schneller, und es fehlen bundesweit 430 000 weitere Kita-Plätze und sehr viele Fachkräfte wie die Bertelsmann Stiftung in ihrem aktuellen Länderreport Frühkindliche Bildungssysteme eruiert hat.

Wegen der Dauerbelastung des vorhandenen Personals bei zudem schlechter Bezahlung gab es auch diese Woche wieder Warnstreiks. In Berlin legten tausende Landesbeschäftigte am Mittwoch und Donnerstag im aktuellen Tarifreit zum dritten Mal die Arbeit nieder. Viele Schulen und Kitas waren betroffen und damit natürlich auch die ebenfalls gestressten Eltern. Die Gewerkschaften starten am Donnerstag die nächste Verhandlungsrunde. Es geht um 10,5 Prozent mehr Gehalt.
rbb24.de

Nur jede zehnte Kita wird allerdings in Berlin von öffentlichen Trägern betrieben. Doch auch der Deutsche Kitaverband, der die freien Berliner Träger vertritt, kritisiert die Lage in den frühkindlichen Bildungseinrichtungen. Der Berliner Landesvorstand des Verbands, Ali Bülbül, sieht den Fachkräftemangel „aktuell als das zentrale Problem in Berlin“. Bülbül schlägt eine „auskömmliche Finanzierung von zusätzlichen Hauswirtschafts- und Verwaltungskräften“ vor, um die überlasteten Fachkräfte zu entlasten. Kathrin Jahnert vom Evangelischen Kirchenkreisverband und Mitglied von Kita-Stimme.berlin sieht den Senat in der Verantwortung, der Berliner Kita-Krise etwas entgegenzusetzen. Allein in den Kitas des Evangelischen Kirchenkreisverbandes fehlten etwa 20 Erzieher, so Jahnert. Zu den Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel gehöre auch eine angemessene Bezahlung der Fachkräfte.
(Berliner Zeitung)

Die Lage ist ernst, aber nicht humorlos. Und deswegen schließen wir den Wochenrückblick mit einem kabarettistisch angehauchten Blick auf die Bildungsmisere im Land.

Video-Tipp:
Der Kabarettist Christian Ehring wirft in der NDR-Sendung Extra 3 einen pointierten Blick auf die Bildungskrise. Eine der neuen Methoden, um an einen Kita-Platz zu kommen: „Heiraten Sie eine Erzieherin!“ (ca. 7 Minuten)
NDR_Extra3.mp4

Bleiben Sie heiter, und ackern Sie weiter!

Ihre Kita-Stimme.berlin