Presserückblick KW 47/2023

Streik und kein Ende, heißt es auch diese Woche. Und es geht um die Frage, wer bei der Kitaplatzsuche besonders benachteiligt ist. Bleiben gleiche Bildungschancen für alle Kinder eine Illusion?

Rund 10 000 Beschäftigte im öffentlichen Dienst sind diese Woche laut Gewerkschaften in Berlin für mehr Gehalt in den Warnstreik gegangen, auch viele Kitas wurden bestreikt. Doch vom Land hat es bislang noch kein Angebot gegeben. Laut Verdi arbeiten in den Berliner Landesverwaltungen, den Bezirken, den Hochschulen und den Kita-Eigenbetrieben insgesamt rund 187 000 Beschäftigte. Darunter seien etwa 63 000 Beamt:innen, für die die Gewerkschaft die Übernahme eines möglichen Tarifabschlusses fordert.
gdp.de; Tagesspiegel

Viele Kitas in Berlin sind am Mittwoch dicht geblieben. „Streikt kreativer“ fordert Tagesspiegel-Redakteurin Karin Christmann. Sie findet, dass es nicht reicht, wenn Beschäftigte im eingeübten Ritual alleine auf die Straße gehen und auf den Stimmungsumschwung durch streikbegleitende elterliche Protestbriefe hoffen. Alle Berliner Kitagruppen, Eltern und Fachkräfte sollten gemeinsam in einer einzigen Aktion mit Wumms vor das Rote Rathaus ziehen und die Politik unter Zugzwang setzen. Die solidarische Großaktion entfalte möglicherweise mehr Wucht als wiederholte Warnstreiks der Beschäftigten. Einen Versuch wäre es sicher wert.
(Tagesspiegel)

Zitat der Woche
„Wir müssen pädagogische Berufe attraktiver gestalten, auch finanziell, sodass man dort lange und zumindest nahe Vollzeit arbeiten kann“.
(SPD-Vorsitzende Saskia Esken im Interview mit der taz)

Passend dazu haben wir eine

Erkenntnis der Woche
Die politische Entscheidung, Kita-Leitungen für Fachfremde zu öffnen, hilft zwar großen Einrichtungen, konterkariert aber Bemühungen, den pädagogischen Beruf durch Karrieremöglichkeiten attraktiver zu gestalten. Zu diesem Schluss kommen Erziehungswissenschaftlerin Prof. Anke König und die Diplom-Pädagogin Maria Magdalena Hellfritsch in einem Fachartikel für WoltersKluwer.
wolterskluwer.com
Runden wir den Zahlenreigen damit ab:

Zahl der Woche
Im März 2023 waren in Berlin zwei Prozent der Kita-Beschäftigten in Zeitarbeit angestellt. Bundesweit sind es im pädagogischen Bereich 0,75 Prozent. Spitzenreiter bei der Leiharbeit in Kitas ist Hamburg mit 3,4 Prozent.
(Quelle: Auswertung der Bundesagentur für Arbeit für Zeit Online)

Es ist ja kein Geheimnis: Wertschätzende Bezahlung und mehr Karrieremöglichkeiten würden helfen pädagogische Berufe attraktiver zu machen und den Fachkräftemangel nachhaltig zu beheben.

Und es ist auch klar: Nur mit genügend geeigneten Fachkräften lässt sich die Schieflage bei der Bildungsgerechtigkeit angehen. Doch die Mangellage trifft ausgerechnet die Schwächsten am härtesten:

Bekannt war bislang, dass besonders Kinder aus armutsgefährdeten Familien, von Alleinerziehenden und aus Familien mit nichtdeutscher Herkunftssprache seltener in der Kita auftauchen. Das liegt jedoch nicht unbedingt daran, dass diese Familien keinen Bedarf abmelden.

Eine neue Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung belegt nun, dass diese Familien vielmehr bei der Platzvergabe überdurchschnittlich häufig leer ausgehen, obwohl die Eltern eine Betreuung wünschen. Die Überraschung sei gewesen, dass „der Wunsch nach einem Platz fast in allen Gruppen gleich ausgeprägt ist“, der Bedarf aber „unterschiedlich gut gedeckt“ werde, sagte BiB-Forscher Mathias Huebener der Welt. Huebener nennt ein Beispiel: Für Zweijährige liegt der Betreuungsbedarf sowohl in deutschsprachigen als auch in nicht-deutschsprachigen Familien bei über 75 Prozent. Während in der ersten Gruppe 66 Prozent auch tatsächlich einen Platz haben, sind es bei der zweiten Gruppe nur 40 Prozent.
(Die Welt)

Diese frühen Ungleichheiten haben Folgen:

Wenn nicht alle Kinder so gefördert werden, dass sie einen respektablen Platz in der Gesellschaft erreichen können, werde die deutsche Gesellschaft „den Bach runtergehen“, warnt der Soziologe und Bildungsforscher Aladin el Mafaalani mit drastischen Worten im „Spiegel“.
www.spiegel.de (paid)

Zu einem anderen Schluss kommt allerdings der Soziologe Hans-Peter Blossfeld. Gleiche Bildungschancen seien „eine Illusion“, sagt er in einem Interview mit der Zeit. Die Hoffnung, dass ein früher Kita-Besuch die familiären Unterschiede ausgleichen können habe sich kaum erfüllt. Das liege daran, dass sich sozial privilegierte Eltern häufiger mehr Zeit investierten, um für ihre Kinder bessere Einrichtungen zu finden, während sich andere eher mit der Kita um die Ecke zufriedengeben. Wenn es um den Wechsel auf eine höhere Schule gehe, zeige sich ein ähnliches Verhalten.
(Die Zeit)

Zwei unterschiedliche Ergebnisse mit Streitpotenzial also.

Was bleibt, ist die Forderung nach gleichen Bildungschancen für alle. Wie schön wäre es, wenn das Deutsche Institut für Kinderrechte am Internationalen Tag der Kinderrechte einmal verkünden könnte: Wir haben Kinderrechte voll verwirklicht! Doch stattdessen geht eine Aufforderung an die Bundesregierung: Schafft endlich ein Bildungssystem, in dem kein Kind diskriminiert wird.
wdr.de

Eine schönes Wochenende wünscht

Ihre Kita-Stimme.berlin