Presserückblick KW 17/2024

Wie lassen sich am besten faire Bildungschancen für alle Kinder herstellen? Die brandaktuelle Frage wird auch diese Woche wieder neu diskutiert.

Die Sozialpolitik müsse endlich über die richtigen Prioritäten debattieren, schreibt der Ökonom Georg Cremer in „Die Zeit“. Was die Kitas anbelangt, kritisiert Cremer zum Beispiel die Praxis der Länder, die die sechs Bundesmilliarden des Gute-Kita-Gesetzes statt für eine bessere Personalausstattung lieber dazu genutzt hätten, die Kita für alle Eltern kostenlos zu machen. Dies nütze vor allem den gut situierten Eltern, denn die ärmeren Eltern zahlten auch bislang schon keine Gebühren. Auf der Strecke geblieben sei dagegen die Förderung von Kindern aus Risikofamilien, für die es einen besseren Personalschlüssel bräuchte.
zeit.de

Zitat der Woche I
Der Effekt der Kindergrundsicherung (…) wird eher bescheiden sein, wenn es nicht zugleich gelingt, den engen Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg aufzubrechen. Das gelingt nicht ohne eine soziale Infrastruktur, die Menschen dabei unterstützt, ihre Potenziale zu entfalten. (Transferzahlungen alleine erreichen das Ziel nicht/d.Red.)
(Prof. Georg Cremer, Ökonom und Autor des Buches „Sozial ist, was stark macht. Warum Deutschland eine Politik der Befähigung braucht und was sie leistet“ im Gastbeitrag auf zeit.de (paid))

In der „Süddeutschen Zeitung“ kommt der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge zu dem Schluss, wenn eine Gesellschaft inklusive der Kindheit derart ökonomisiert sei wie unsere und die Teilhabe immer stärker von der Inanspruchnahme kommerzieller Angebote abhängig sei, dann lasse sich Armut nur „mit erheblich mehr Geld wirksam bekämpfen“. Für Butterwege folgt daraus:

Zitat der Woche II
Kinder brauchen beides: eine finanziell abgesicherte, sorgenfreie Familie und eine gute, beitragsfreie Infrastruktur. Was nützt ihnen das beste Bildungssystem, wenn ihren Eltern das Geld fehlt, um sie gesund zu ernähren, gut zu kleiden und ihnen ein Mindestmaß an kultureller
Teilhabe zu ermöglichen?
(Christoph Butterwegge, Politologe und Buchautor, Gastbeitrag in der „Süddeutschen Zeitung“)

In Berlin stellt das mögliche Winning Team um den SPD-Parteivorsitz – Martin Hikel und Nicola Böcker-Giannini – die Gebührenfreiheit der Kitas infrage. Es müsse einen „undogmatischen und ergebnisoffenen Diskurs“ darüber geben, ab welchem Einkommen Berliner Eltern sich wieder an den Kita-Kosten beteiligen sollten.
(Berliner Morgenpost)

Wie ist es um die Infrastruktur in der Berliner Kita-Landschaft bestellt? Anlässlich des Kindergarten-Tages veröffentlichte das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg aktuelle Zahlen. Demnach gab es 2023 2832 Kitas bzw. 31,5 Prozent mehr Kitas als vor zehn Jahren, als das Recht auf einen einklagbaren Kitaplatz eingeführt wurde. Das sind in absoluten Zahlen 679 mehr Kitas innerhalb von zehn Jahren.
(Märkische Allgemeine)

Ohne die entsprechende Einordnung sagt dieses wirklich sehr schöne Zahlenwerk allerdings noch nichts darüber aus, ob die Zunahme der Einrichtungen mit dem ebenfalls gewachsenen Bedarf an Kita-Plätzen in Berlin Schritt hält. Die Bertelsmann-Stiftung kommt hier ja bekanntlich zu einer sehr klaren Einschätzung.

Dass Berlin sich noch nicht gemütlich zurücklehnen kann bei der Förderung zusätzlicher Kitas lässt sich beispielsweise an einem aktuellen Beispiel aus Marzahn-Hellersdorf verdeutlichen. Dort steht in Biesdorf im September die Eröffnung einer neuen Kita an. Für die 135 Plätze gibt es inzwischen allerdings 400 Voranmeldungen. Jeder weitere Kommentar erübrigt sich.
berliner-zeitung.de

Mitte ist übrigens der einzige Berliner Bezirk, der mehr Kita-Plätze anbietet als er benötigt: Die Betreuungsquote liegt dort bei 105 Prozent. Zum Vergleich: Marzahn-Hellersdorf weist lediglich eine Betreuungsquote von 80,8 Prozent auf.
(Berliner Morgenpost)

Intervention der Woche
Eine Expertengruppe der „Gesellschaft für Frühkindliche Bildung“ hat einen Aufruf zur „Wende in der Frühbetreuung“ gestartet. Die Experten fordern, Kleinkinder frühestens ab einem Alter von 24 Monaten in die außerfamiliäre Betreuung abzugeben, und das auch nur für wenige Stunden. In der frühen Phase gehe es um die Entwicklung von Bindungsfähigkeit anhand einer festen Bezugsperson. Die Psychiaterin Agathe Israel ist eine der Verfasserinnen. Sie sagt: „Es braucht einen verstehenden Erwachsenen, nicht nur einen, der stupide das Kind pflegt und trainiert. Und das passiert, wenn eine Person zu viele Kinder betreuen muss“. Dazu bräuchte einen Betreuungsschlüssel von einer Fachkraft für drei kleine Kinder. Davon ist die Realität bekanntlich weit entfernt.

Die Frauen-zurück-an-den-Herd-Fraktion sollte deswegen aber nicht neue Urständ feiern. Denn statt exklusive Mutterbetreuung fordert die Expertengruppe, das Elterngeld in den ersten beiden Jahren so zu erhöhen, dass es eine echte Wahlfreiheit zur Fremdbetreuung darstellt. Und: Für Eltern, die sich die Betreuung in den ersten Lebensjahren teilen wollen, fordern die Experten vollen Lohnausgleich bei verkürzter Arbeitszeit.
tagesspiegel.de (paid)

Mit diesem gedanklichen Stoff verabschieden wir uns für diese Woche.

Ihre Kita-Stimme.berlin