„Ganz schön vertrackt“

Die Kita ist der erste Bildungsort im Leben. Alle Kinder haben ein Recht darauf, bestmögliche Qualität in ihrer Bildung zu erfahren – nur so können ungleiche Startchancen ausgeglichen und Integration vorangebracht werden. Ein Appell von Manuel Schottmüller und Hartmut Horst, geschäftsführende Gesellschafter der Hanna gGmbH Kita Trägerschaften, gegen das Sparen im Bildungsbereich.

Der Spiegel titelte neulich zum jüngsten Bericht zur Bildungsgerechtigkeit: „Wo bleibt der Aufschrei?“ (Link zum Artikel)
Hintergrund der Frage ist die Feststellung des jüngst veröffentlichten Nationalen Bildungsberichtes, u.a. zum Betreuungsangebot und dessen Chancengleichheiten. Laut des Berichtes besuchen derzeit nur rund 78 Prozent der drei- bis sechsjährigen Kinder aus Familien mit Zuwanderungsgeschichte eine Kita. In Familien ohne Migrationshintergrund sind es 100 Prozent. Noch deutlicher ist der Unterschied bei den Unter-Dreijährigen: Hier besuchen lediglich 22 Prozent der Kinder mit mindestens einem im Ausland geborenen Elternteil eine Kita. Sind beide Eltern in Deutschland geboren ist der Anteil mit 43 Prozent fast doppelt so hoch.

„Berliner Kinder sprechen immer schlechter Deutsch“

Als Ergebnis der Vorschuluntersuchung 2022 in Berlin wurde festgestellt, dass 52 % der Vorschulkinder Migrationshintergrund haben. In weniger als der Hälfte der Familien wird nur Deutsch gesprochen, in vielen zudem noch eine Fremdsprache (39,6 Prozent). In mehr als jeder 10. Familie wird laut der Untersuchung gar kein Deutsch gesprochen (11,7 Prozent). Berliner Zeitung

In Berlin wird deshalb das „Kita-Chancenjahr“ diskutiert, mehr dazu hier

Idee des Kita-Chancenjahrs ist es, dass Kinder mit Sprachdefiziten mindestens ein verpflichtendes Kitajahr vor dem Schuleintritt wahrnehmen. Dafür sollen Eltern für alle Kinder im Alter von drei Jahren automatisch einen Kita-Gutschein zugesandt bekommen. Viele sehen das kritisch. „Es ist nicht verständlich, wieso die Koalition den Gutschein erst zum dritten Lebensjahr verschicken möchte, denn frühkindliche Bildung sollte so früh wie möglich beginnen“, sagt zum Beispiel die bildungspolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/ DIE GRÜNEN, Marianne Burkert-Eulitz. Sie plädiert dafür, allen Eltern zum ersten Geburtstag einen „Kita-Willkommensgutschein“ zukommen zu lassen. Berliner Morgenpost

Rechtsanspruch und Realität passen nicht zusammen

Wer die Frühkindliche Bildung verbessern möchte, muss über eine verpflichtende Kita-Anwesenheit ab dem 3. Lebensjahr sprechen. Um Kita verpflichtend zu machen, müssten Kitas von der Familien- in die Bildungspolitik wechseln. „Kitas sind Bildungs- und keine Betreuungseinrichtungen!“ Das ist das eine Thema. Das andere ist, dass dafür Kita-Plätze und Personal in echten Größenordnungen fehlen! Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem vergangenen Herbst fehlen in Deutschland trotz des Anspruchs rund 430.000 Kita-Plätze. In Berlin sind demgemäß 20.000 Plätze, die im System fehlen, auch wenn die Senatsverwaltung derzeit zu ganz anderen Rechenergebnissen kommt. Die Kita-Stimme.berlin hat den aktuellen KEP bereits kommentiert: Im Jahr 2027 werden in Berlin rund 265.800 Kinder im Alter unter sieben Jahren leben. Davon gehen derzeit 168.000 in die Kita (belegte Plätze). Diese Spreize zeigt, wie groß der Mangel tatsächlich wäre, wenn alle Kita-fähigen Kinder in die Kita gehen wollten! Und wenn sie erst müssen…

Die Ambitionen zum Bau neuer Kitas in der Stadt gehen praktisch gen Null

Trotz dieser Zahlen herrschen im Bund und in Berlin gleichermaßen Sparkurs. Die Investitionen in neue Kitas und neues Kita-Personal sind zurückgefahren. Ab 2020 wurden die für den Bau neuer Kitas zur Verfügung stehenden Fördermittel, damals noch vom Bund, dramatisch eingekürzt. In der Folge standen in Berlin Kita-Projekte im Wert von mehreren 100 Mio. Euro auf der Kippe. Im Sommer 2022 haben freie Träger in der Stadt über 100 Projektabsagen für neue Kitas erhalten. Und dass, obwohl die Senatsverwaltung bis 2022 selbst von einem Kita-Platzmangel von gut 25.000 Plätzen bis 2026 ausgegangen ist. Der Schaden ist nun aber da: große Träger wie Fröbel haben ihre Kita-Bauabteilung bereits aus Berlin in westliche Bundesländer abgezogen. Mittelgroße Träger wie die Hanna gGmbH wickeln vorbereitete Projekte ab, mehr dazu hier. Die Berliner Trägerwelt wird so schnell keine ambitionierten Neuprojekte mehr auflegen, Plätze entstehen jetzt im Rahmen von Wohnungsbauprojekten. Nachhaltig finden wir das nicht. Es war ein langer Abschied von der ambitionierten Aufbruchstimmung seit Einführung des Kita-Rechtsanspruches 1996 für Kinder ab drei Jahren und dann 2013 für Kinder ab dem ersten Lebensjahr.

Die Politik muss umdenken!

Ich frage mich langsam, wie viele Studien, Berichte und Untersuchungen es noch braucht, damit wir den dringend notwendigen Umbau unseres Bildungssystems endlich angehen“, kommentiert Fröbel-Geschäftsführer Stefan Spieker die Lage. „Seit mindestens zehn Jahren gibt es die immer gleichen Befunde – und die Verantwortlichen haben noch nicht einmal angefangen, die Datenbasis dafür zu schaffen, damit Sprachförderung überall vergleichbar wirksam angeboten werden kann. Und es wird immer so weitergehen, wenn wir die frühe Bildung als wirksamsten Hebel nicht endlich stärken, statt sie immer weiter zu schwächen.“ Dem pflichten Kita-Träger, Verbände, Bildungswissenschaftler und auch die Industrie seit Jahren bei:

Wirksame Bildung für die Fachkräfte von morgen

Titelt die IHK Berlin. „Gute Bildung ist in einer Wissensgesellschaft eine wesentliche Grundlage für qualifizierte Fachkräfte. Das Fundament wird mit der frühen Bildung in der Kita gelegt (…) . Hier gibt es noch erhebliche Herausforderungen, die es zu meistern gilt, wenn Berlin attraktiver Wirtschaftsstandort bleiben soll. Zum Beispiel den weiteren Ausbau der Kita-Infrastruktur. „Diese gesamtgesellschaftliche Herausforderung richtet sich sowohl an Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Nur gemeinsam bekommen wir den Fachkräftemangel in den Griff und können Wohlstandsverlust vermeiden.“

„Es gibt nur eins was auf Dauer teurer ist als Bildung: keine Bildung.“ JFK

Unzureichende Bildung führt zu enormen Belastungen für die Gesellschaft, durch kriminelles Verhalten, Transferausgaben sowie entgangene Steuern und Sozialabgaben. Darüber herrscht breiter Konsens. Für die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft ist es also von höchster Bedeutung, allen Kindern den Zugang zu Bildung zu eröffnen. Außerdem erleben wir gerade, wie wichtig eine gelingende Integration – deren Grundvoraussetzung das Erlernen der Sprache ist – für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die politische Stabilität ist.

(Frühkindliche) Bildung muss in Anbetracht der Relevanz für Wirtschaft und Sozialstaat endlich wieder ganz nach oben auf die Agenda. Wenn wir gesellschaftlich weiterkommen wollen, müssen wir Kita ab dem 3. Lebensjahr verpflichtend machen. Das heißt auch, dass wir in unserem Bereich auf gar keinen Fall gespart werden darf, der Platzausbau wieder hochgefahren und Programme zur Fachkraftgewinnung intensiviert werden müssen.

***

Weitere Quellen:

Bildungsbericht 2024

Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme 2023

Hier geht’s um Basisinvestitionen!
von Hagu Friedrich

Wenn wir über die mangelnde Bildung stöhnen, wissen wir auch, dieser Elementarstoff unserer Gesellschaft garantiert unseren Wohlstand. Früher, schon in den 1970ern, haben wir „Gastarbeiter“ ins Land geholt. Sie sollten nicht lange bleiben, sind jetzt nicht mehr wegzudenken und stützen unser Land. Es hat auch ziemlich lange gebraucht, bis wir feststellten, wir sind schon seit langem ein Einwanderungsland. Es wäre hilfreich, wenn wir jetzt mal zu der Erkenntnis kämen: wir brauchen Fachkräfte, die integriert sind, um die Industrienation Deutschland weiter zu bringen. Wir müssen die Menschen in die Lage versetzen, uns zu verstehen, Deutsch lernen ist die Devise. Frühe Bildung fängt in der Kita an, Sprache ist die erste Kunst, die wir uns abgucken. Das läuft nicht über Vokabeln und Grammatik, deshalb gehört der Spracherwerb in die Kita.

Nun ist es ja so, dass die Gesetze zur Sprachprüfung seit 10 Jahren gelten, es hält sich nur niemand dran. Aus vielen Gründen wurden Kinder mit mangelnden Sprachkenntnissen eben nicht in die Kita gebracht. Wenn wir wollen, dass sie nicht durchs Netz fallen, müssen wir sie abholen! Oder es als Pflicht benennen: Kita-Pflicht mit 3 Jahren, Schule mit 6. Noch besteht vor der Schule völlige Wahlfreiheit, obwohl die Versorgung in vielen Bundesländern kostenfrei ist. Kita bleibt unverbindlich, dass ist weder für die Kinder noch für unsere Gesellschaft gut. Aber wir lassen alles so, weil wir genau wissen, die Entwicklung zur konsequenten Integration kostet Geld.
Das Recht auf einen Kitaplatz ab dem 1. Lebensjahr wurde bereits 2013 besiegelt, damals ein risikoreiches Bekenntnis, weil es besonders in den westdeutschen Ländern wenig staatliche Unterstützung für Eltern gab, wenig Kita-Plätze. In dem folgenden Jahrzehnt wuchs die Kapazität der frühkindlichen Bildung immens, aber mit dem Erfolg wuchs auch die Nachfrage, immer mehr Eltern fanden es nicht mehr schlimm, ihre Kinder zusammen mit anderen Kinder Neues entdecken zu lassen. Frauen hielten sich nicht mehr für schlechte Mütter, wenn sie das Kind zur Kita brachten.

Das System Kita hat sich bewährt und ist inzwischen auch anerkannt. Viele Wirtschaftsverbände wollen Kitas, das Thema ist seit vielen Jahren regelmäßig in der Presse und der Senat brüstet sich mit immer neuen Erfolgen. Plötzlich bleibt alles stehen: es gibt genug Plätze, wir stoppen alle Programme. Aber es kommt doch das Kita-Chancen-Jahr, das berühmte Kita-Jahr zum Spracherwerb vor der Grundschule, wie soll das funktionieren bei zu geringen Kita-Plätzen? Ein Jahr reicht nicht, dass ist Schaufensterpolitik. Neue Statistiken zum Bevölkerungswachstum in Berlin zeigen überraschend, dass die bisher errechneten 25.000 Kita-Plätze gar nicht mehr benötigt werden. Die Bertelsmann-Stiftung bleibt immer noch bei 20.000 Plätzen, die in Berlin fehlen.

Aber Tatsache ist doch, wir investieren nicht, weil wie keine Geduld haben, auf die Rendite zu warten. Aber hier geht’s um Basisinvestitionen, es gibt keine Wahl, hier muss investiert werden. Begriffe wie Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit stoßen bei einem Unternehmer möglicherweise auf unterdrücktes Gähnen, aber langfristige Investitionsplanung mit strammen Renditen? Bildung von Anfang an! Ich bin dabei, gute Anlage bis zur Rente!